„Fair Trade“ und „Ethischer Konsum“

Der kapitalistische Weltmarkt als
Herausforderung an die Moral der Konsumenten

Das Herkunftsland steht auf der Verpackung, viele Lebensmittel kommen aus der „3. Welt“ und bekannt ist auch, welche Schweinereien in den Gütern des hier alltäglichen Verbrauchs stecken: in der Schokolade afrikanische Kindersklaven; in Handys und Festplatten total verarmte Bergleute aus Bolivien oder Kongo; in den Klamotten mies bezahlte, überarbeitete, manchmal bei Brandkatastrophen sterbende Näherinnen aus Bangladesh oder Pakistan; in Smart-Phones und -Pads Chinesen, die die Maloche zum Selbstmord treibt; …

Genauso regelmäßig wird mitgeteilt, dass v.a. in Europa oder USA beheimatete Konzerne entweder Urheber oder Nutznießer dieser Produktionsverhältnisse sind: Mit derlei Methoden – fehlende Schutzbestimmungen, nicht endende Arbeitstage und Dumpinglöhne – senken sie ihre Kosten und machen sie ihre Gewinne. So also sieht unsere freie Marktwirtschaft in diesen Ländern aus: Sie geht buchstäblich über Leichen.

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Was sagt uns das? Dort unten herrscht Ausbeutung! Und verglichen damit hierzulande relativer Wohlstand! Beides stimmt. Dort verdienen die Leute ihr Geld, wenn überhaupt, unter härtesten Arbeitsbedingungen; der Lebensstandard ist weitaus geringer; diese Völker sind gefragt als billiges und billigstes Humankapital: Darin sind sie mitunter rentabler als ihre Kollegen in den Metropolen (was die ihrerseits merken, wenn ganze Fabriken in „Niedriglohnstandorte“ ausgelagert werden). Anders aber als Hungerlöhner, die sich die im Land hergestellten Konsumgüter kaum leisten können, verfügen hiesige Arbeiter mit dem Lohn, den sie für ihre Benutzung erhalten, auch über eine Kaufkraft: In den Shoppingcentern des Nordens versilbern sie, soweit der Geldbeutel reicht, den Profit globaler Multis, der in den Warenbergen aus dem Süden steckt.

Wohlgemerkt, es sind derselbe Kapitalismus und dieselbe Rechnungsweise, die so unterschiedliche Phänomene hervorbringen: Zeigen die elenden Lebensumstände dort also nicht, dass lohnabhängige Menschen überall auf dem Weltmarkt dieselbe Rolle als nützliche Idioten des Kapitalreichtums spielen – und dabei auch noch als konkurrierende Manövriermassen ihrer Staaten gegeneinander aufgestellt werden?

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Kritiker decken solche Lebensbedingungen in Drittwelt- und Schwellenländern auf und verlangen von lokalen Potentaten wie von verantwortlichen Firmen Besserung; „immerhin“ die schlimmsten Exzesse hätten sie zu unterlassen. Hebel dafür soll – ausgerechnet – das Gewinninteresse der Unternehmen sein, das als Grund der unendlichen Skandale an der Arbeits- und Konsumfront durchaus geläufig ist. Natürlich lässt freiwillig oder wegen moralischer Appelle kein Staat und kein Konzern von seinem ungesunden Treiben: Aber gewissenhafte Verbraucher, so die rettende Idee, könnten sie ja auch zur „Vernunft“ zwingen.

Die Käufer übernehmen Verantwortung an Stelle der wirtschaftlich Verantwortlichen und verbessern die Welt, indem sie die Macht des kleinen Geldes benutzen, um die Manager des großen Geldes zu erziehen: Beim Einkaufen lassen sie den ärgsten Schrott, verseuchtes Essen oder Computer der „schwarzen Schafe“ unter den Herstellern und Händlern links liegen und kaufen nur bei den „Guten“; sie bevorzugen Öko- und Bioprodukte aus „nachhaltiger Landwirtschaft“, unterstützen klein- und mittelständische Unternehmen in der 3. Welt mittels Fair Trade und praktizieren damit sog. ethischen Konsum. Was ist davon zu halten?

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Über Identität und Unterschied des Kapitalismus in seinen Zentren und in seiner Peripherie; über Macht und Ohnmacht des Konsumenten, über kritische Verantwortung für den Globus und brave Mitmacherei daheim: Da gibt es einiges zu erläutern und zu diskutieren.

Vortrag & Diskussion
Mittwoch, 26.02.2014, 19:00 Uhr
Bürgerwache am Siegfriedplatz