Archiv für Juni 2013

Armut in „unserer reichen Gesellschaft“: Nein, kein soziales Problem der Marktwirtschaft, sondern durch sie erzeugt und benutzt

Armut gehört, durch alle Konjunkturen und Krisen hindurch, zum festen Inventar der Marktwirtschaft. Seit ihrem Bestehen wird sie „bekämpft“ und genauso lang registriert. Wie das geht in einem der „reichsten Länder der Erde“, steht fein säuberlich aufgelistet in einem Periodikum namens „Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung“. Darin kann man auch 2013 lesen, dass ‑ wie immer ‑ die Reichen reicher und die Armen ärmer geworden sind; wie viele Menschen für 8,50 Euro oder für nur 6 Euro pro Stunde arbeiten und wie viele ihren Lohn für die volle Arbeitswoche vom Staat auf das Hartz-IV-Niveau aufstocken lassen müssen; wie viele Kinder verwahrlosen, Heranwachsende ausrasten, Alte verkommen und so weiter.
Verbucht wird all das unter der zynischen Überschrift: „Lebenslagen in Deutschland“. Für die demokratischen Meinungsbildner kann sich offensichtlich die marktwirtschaftliche Ordnung an den empörenden Fakten über sie gar nicht blamieren. Sie ziehen die Bürger hinein in die „richtige“, nämlich ganz und gar konstruktive Art und Weise, über Armut und Reichtum in dieser Gesellschaft nachzudenken:

Auf 549 Seiten, tatsächlich aber in wenigen Schritten schafft es der Armutsbericht der Regierung, den Berichtsgegenstand theoretisch um die Ecke zu bringen. Zunächst wird das Faktum Armut in eine Frage seiner Definition und Messung verwandelt und damit vorgegeben, wann bei der Armut die „Armut“ eigentlich losgeht und wann man deswegen überhaupt von einer solchen sprechen kann und darf. Im nächsten Schritt wird Armut zum persönlichen Armutsrisiko verniedlicht, zu einem Umstand, bei dem es vor allem darauf ankommt, wie gut und wie lange ein Mensch damit zurechtkommen kann. Und schließlich wird Armut zum Problem erklärt ‑ nein, nicht zu einem, das die Leute haben ‑, sondern zu einem, das sie der „Gesellschaft“ und ihrem „Zusammenhalt“ bereitet. Um dann festzustellen: Wenn Armut nützlich ist fürs Wachstum der Marktwirtschaft, dann ist sie einfach keine mehr.
Theoretisch gesehen ist jeder dieser Schritte ein Fehler, menschlich gesehen eine Schweinerei.

*

Eine Aufklärung über den Zusammenhang von Armut, Arbeit und Reichtum im Kapitalismus ist absolute Mangelware. Daher ein Vortrags- und Diskussionsangebot zu:

  • Der Armutsbericht der Bundesregierung: Armut nachgezählt, problematisiert und für gut befunden.
  • Arm trotz Arbeit, heißt es. Die Wahrheit ist: arm wegen Arbeit. Denn der Grund der Armut ist die Einkommensquelle Lohnarbeit.
  • Staatliche Beschäftigungs- und Sozialpolitik gelten als Rezepte zur Bekämpfung von Armut. Ausgerechnet! Genau so schafft und schützt die Politik die marktwirtschaftlichen Zustände, die Armut zum „Dauerphänomen“ machen.

Dienstag, 09.07.2013, 19:00 Uhr
Bürgerwache am Siegfriedplatz