Archiv für Januar 2011

Was von Marx zu lernen wäre

Alles Nötige über Arbeit und Reichtum im Kapitalismus

Linke Parteien zählen den Theoretiker des 19. Jahrhunderts, dessen Gedanken einmal die Welt bewegt haben, zu ihrem Traditionsbestand, seine Schriften aber kennen sie nicht mehr. Marx ist heute ein toter Hund. Um so mehr als man ihn an Universitäten, sofern man sich seiner erinnert, höflich ins geistesgeschichtliche deutsche Erbe eingemeindet – und zwar als einen Großen: Ein großer Philosoph soll er gewesen sein, dem es nach Hegel noch einmal gelungen sei, dialektisch zu denken; ein großer Soziologe, der ein System gebastelt habe, in dem die Gesellschaft von der materiellen Basis bis zum Überbau der Ideen auf ein einziges Prinzip gebracht ist, ein großer Prophet, der die Globalisierung früh vorhergesehen habe, ein großer Utopist, der sich eine schöne bessere Welt ausgedacht haben soll.

Dass Marx selbst, wenn er gefragt würde, nichts von dem genannten Großen vollbracht haben wollte, ja sich dieses Lob verbitten würde, kann seine geistesgeschichtlichen Freunde nicht bremsen. Sie verzeihen ihm ja sogar, dass er Kommunist gewesen ist. Er selbst sah seine Leistung einzig und allein in dem, was der Untertitel seines theoretischen Hauptwerkes ankündigt: in der „Kritik der politischen Ökonomie“ des Kapitalismus. Marx war, wenn irgendetwas, Ökonom. Die Wirtschaftswissenschaften allerdings haben keine gute Erinnerung an diesen Klassiker, ja eigentlich überhaupt keine. Kein Wunder. Schließlich hat er nicht nur die menschenfeindliche und absurde Rationalität des Wirtschafsystems aufs Korn genommen, das sie so vernünftig finden, er hat auch ihre verständnisvollen Theorien darüber wider- und zerlegt.

An dem Kapitalismus, den Marx in der Phase seines Entstehens analysierte und kritisierte, hat sich seit seinen Tagen dies und das, aber nichts Wesentliches geändert. Immer noch ist die Vermehrung des Geldes der beherrschende Zweck, für den gearbeitet wird – und das ist keineswegs ein geschickter Umweg zur besseren Befriedigung der Bedürfnisse; noch immer sind die arbeitenden Menschen Kostenfaktor, also die negative Größe des Betriebszwecks; noch immer findet die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, der größten Quelle des materiellen Reichtums, ausschließlich statt, um Löhne zu sparen und Arbeitskräfte zu entlassen – also um den Arbeiter ärmer zu machen.

Wegen dieser Aktualität, und nur wegen ihr, verdient es der längst verblichene Denker, dass man sich seiner erinnert. Seine Bücher helfen, die ökonomische Wirklichkeit heute zu erklären. Das will der Vortrag anhand von Zitaten aus dem ersten Kapitel von „Das Kapital“ Band 1, „Die Ware“ demonstrieren. Angeboten werden ungewohnte Gedanken über Gebrauchswert und Tauschwert, konkrete und abstrakte Arbeit, Geld und Nutzen, Arbeit und Reichtum – paarweise Bestimmungen, die unsere moderne Welt nicht mehr auseinander halten kann, während sie tatsächlich die härtesten Gegensätze enthalten. Der Vortrag wird einführen in „Das Kapital“ und für eine längerfristige Kapital-Lektüre werben, zu der sich gerade ein für alle Interessierte offener Lesekreis bildet.

P.S.: Am Rand bleibt für Kenner eine Abgrenzung zu den Marxologen nachzutragen, die sich ausgerechnet, weil es keinen Sozialismus in der Realität mehr gibt, zu einer „Neuen Marxlektüre“ befreit und herausgefordert sehen. Sie wollen nichts mehr zu tun haben mit der Arbeiterklasse und dem Anprangern der Ausbeutung; entdecken vielmehr in allen Gegenständen und Themen des drei bändigen Werkes eintönig immer dasselbe: „Fetischisierte Vergesellschaftung“. Sie studieren Marx, aber weniger, um der ausgearbeiteten Kritik des Kapitalismus seine Kritik zu entnehmen; sie lesen das Buch mehr als eine gelungene Antwort auf ihre Frage, warum die praktische Kritik, die der Kapitalismus verdient hätte, immerzu ausbleibt. Sie erklären nicht sich und anderen, warum die kapitalistische Wirtschaftsweise nicht zu ihnen passt und abgeschafft gehört, sondern warum sie in Gedanken und Praxis so gut zu ihr passen. Damit wollen wir nicht verwechselt werden.

Referent: Prof. Dr. Egbert Dozekal (FH Frankfrut)

Dienstag, 01.02.2011, 19:00 Uhr
Hörsaal 6, Universität Bielefeld

„Das Kapital“ von Karl Marx

Warum man im Jahr 2011 noch das „Kapital“ lesen sollte

Es war einmal vor langer Zeit,
da hat sich einer eingehend Gedanken über eine Produktionsweise namens Kapitalismus gemacht und sie in einem dicken Buch mit dem Titel „Das KAPITAL. Kritik der Politischen Ökonomie“ niedergeschrieben. Dort ist vieles über Geld, Gewinn, Lohn, Kredit und manches mehr, was den Kapitalismus so ausmacht, zu lesen. Wie gesagt, das ist schon lange her.

Damals…

… wurde der Reichtum der Gesellschaft in der Form von Waren produziert. Die hatten alle einen Preis, der bezahlt werden musste, wenn man die Ware erstehen wollte. So waren alle Bedürfnisses erst einmal recht wirksam vom Zugriff auf die Güter getrennt und jeder gezwungen, über ausreichend Geld zu verfügen, um sich sein Leben einzurichten. Also musste jeder auch eine Geldquelle auftun, um seinen Anteil am produzierten Reichtum zu erwischen und über die Runden zu kommen. Dabei waren alle frei und gleich.

…hatten viele nichts als ihre Arbeitskraft, um das nötige Geld für ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die mussten sich nach einem Geldbesitzer umschauen, der einen Bedarf nach dieser altmodischen Ware hatte und sie kaufte. Von denen gab es auch welche, die hießen Kapitalisten. Sie hatten genug Geld, mit dem sie nicht nur Fabriken und Maschinen erstanden, sondern auch die Arbeitskraft der Arbeiter, über die sie nun für eine bestimmte Zeit das Kommando hatten.

…blieben die meisten Arbeiter ein ganzes Leben lang vom Lohn abhängig, den ihnen ein Kapitalist bezahlte. Manchmal änderte sich ihr Lebensschicksal aber auch rapide und grundlegend. Bisweilen ergab es sich nämlich, dass sie an den immer moderner werdenden Arbeitsplätzen überflüssig wurden, wenn zum Beispiel neue Maschinen vom Kapitalisten angeschafft wurden. Mit diesen Maschinen die Mühen der Arbeit leichter zu machen und die Arbeitszeit verkürzen, wäre nicht der Sinn der Sache gewesen und fiel auch keinem ein. Maschinen waren einfach kostengünstiger als der Lohn, also rentierte sich dessen Bezahlung ab sofort nicht mehr und mancher Lohnabhängige wurde aufs Pflaster geworfen. Bei ihrer Suche nach einem neuen Arbeitsplatz hatten sie jetzt viel Zeit, einige blieben aber auch lebenslang von der Mildtätigkeit der Sozialfürsorge abhängig.

…musste die verbliebene Belegschaft nicht nur das Arbeitspensum der Entlassenen bewältigen. Die neuen Maschinen erlaubten es auch, mehr aufs Arbeitstempo zu drücken. Möglichst lange und viel musste gearbeitet werden, im Bedarfsfall auch über die geregelte Arbeitszeit hinaus. Fertigungsstraßen, Maschinentakt und Gruppendruck sorgten dafür, dass jede Sekunde der Arbeitszeit mit Arbeit ausgefüllt war und die Leistungsvorgaben des Betriebs erfüllt wurden. Und weil der Lohn ein Faktor war, der in die Rechnung des Kapitalisten als Kosten einging, war er immer zu hoch und wurde mit allen Raffinessen gedrückt. So wurde die Arbeit rentabel gemacht.

…stand alles Arbeiten unter dem Diktat des Gewinns und seiner Maximierung. Mit diesem Zweck verausgabten die Kapitalisten ja ihr Geld und ließen es arbeiten, damit es sich vermehrt. Und am Grad seiner Vermehrung maßen sie den Erfolg des eingesetzten Kapitals. Das wurde bald zum gesellschaftlichen Maßstab, von dem ganze Gesellschaften abhängig wurden. Für diese Produktionsweise bürgerte sich der Name Kapitalismus ein und in ihr entwickelte sich der Gegensatz von Reichtum und Armut auf immer höherer Stufenleiter. Und mit dem Kapitalismus blühte auch ein Haufen mehr oder weniger gelehrter Ideologien auf, die Geld, Lohn, Gewinn, Kredit und alles, was das kapitalistische Geschäft sonst noch ausmacht, für natürliche und sinnreiche Einrichtungen des gesellschaftlichen Produzierens hielten.

Wie gesagt, das war damals.

Von all dem kann in unserer globalisierten Marktwirtschaft ja keine Rede mehr sein. Oder vielleicht doch, aber ein bisschen anders? Man ahnt: Wer sich nicht nur eine schlechte Meinung über „Schattenseiten“ und „Auswüchse“ des Kapitalismus moderner Machart halten will, sondern Aufschluss sucht, wie er beschaffen ist und funktioniert, der kommt um die Auseinandersetzung mit den Erklärungen von Marx nicht herum. Gelegenheit dazu bietet – mit fachkundiger Hilfe – der Studien- und Diskussionskreis zum „KAPITAL“.

Lektüre: Karl Marx, Das Kapital, Band 1, Marx-Engels-Werke 23, Dietz Verlag.

Studien- und Diskussionskreis
ab So. 6. Februar 2011, 16.00 Uhr
im AJZ (Kinosaal), Heeper Str. 132 in Bielefeld

Der „Super-Gau“ der Diplomatie:

Die Enthüllungen von WikiLeaks

- Wozu brauchen die Staaten ihre diplomatischen Höflichkeiten und ihre Geheimnisse?
- Wie reagieren Presse und Politik auf solche Veröffentlichungen?
- Was will WikiLeaks erreichen und was gibt es daran zu kritisieren?

Diskussionstermin
am Dienstag, 11. Januar 2011, 19.00 Uhr
im AJZ (Kinosaal), Heeper Str. 132 in Bielefeld