Archiv für Oktober 2010

Warum sind so viele Menschen in den Entwicklungsländern arm?

Fair Trade

Manch einer sieht seinen Sinn für Gerechtigkeit herausgefordert, wenn er hinter den Logos der großen Kaffeeröster die Armut der südamerikanischen Plantagenarbeiter entdeckt, die ihre Kaffeebohnen für ein paar Pesos an die großen Aufkäufer abliefern. Bei „Fair Trade“ schlägt die Konsumentenmacht dann in aller Härte zu – und zahlt freiwillig ein, zwei Euro mehr für das Kilo, um dem Markt einmal zu zeigen, wie ein fairer Preis wirklich aussieht. Was solche Konsumenten einfach übersehen, ist die Tatsache, dass der Preis im gelobten „freien Spiel der Marktkräfte“ mit Fairness nicht vereinbar ist. Der Verkäufer will einen hohen, keinen fairen Preis erzielen. Ebenso wenig der Käufer, der an niedrigen statt fairen Preisen interessiert ist. Wer am längeren Hebel sitzt, setzt sich in diesem Kräftemessen durch. So werden Gewinne erzielt, oder auch Verluste. Preise sind eben nicht dazu da, einen Ausgleich herbeizuführen, der die gegensätzlichen Interessen der beiden Marktteilnehmer versöhnt und jedem seinen Erfolg verschafft. Es hilft nichts, hier mit gutem Beispiel voranzugehen. Es ist schon fast eine Ironie, den freiwilligen Verzicht Gutmeinender, die ein paar Euro mehr für ihren Kaffee hinblättern, als Exempel praktizierter Konsumentenmacht vorzustellen. Denn der als unfair gebrandmarkten Praxis der Großkonzerne wird ja kein Haar gekrümmt. Sie wird nicht ersetzt, sondern ergänzt, eben um ein Nischengeschäft, das auf der Spendenbereitschaft einiger Kunden aufbaut und damit entsteht und vergeht.

Die Eigentumsordnung des Kapitalismus

Arm sind die Leute in den Entwicklungsländern weil sie ausgeschlossen sind von dem Reichtum, den es durchaus auch in ihren Ländern gibt. Die Zeiten sind nämlich vorbei, in denen Menschen hungern und sterben mussten, weil es wegen Missernten, unzureichender Naturbeherrschung und fehlenden medizinischen Wissens die Mittel zur Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse nicht gab. Der Welternährungsfond der UNO berichtet, dass es auf dem Globus genug Lebensmittel für alle Menschen gibt; im Bedarfsfall könnten selbstverständlich noch viel mehr davon hergestellt werden. Gehungert wird also auch vor vollen Lagerhäusern, und zwar nur deshalb, weil es den Hungernden an Geld fehlt. Dasselbe gilt auch für das Fehlen guter Behausung, medizinischer Betreuung, Bildung und sonstiger Konsumartikel. Schuld an dem Ausschluss sind nicht Misswirtschaft, Korruption oder ein ungerechter Welthandel, sondern das Privateigentum. Dieses Rechtsinstitut des Kapitalismus gilt nicht nur in den reichen Industrienationen, sondern bis in den hintersten Winkel der Erde. Jedes Stück natürlichen und produzierten Reichtums gehört irgendjemandem.

Eine handfeste, wenn auch ideologische Konsequenz hat die Elendsberichterstattung zur Dritten Welt auch noch: Sie dient als Material dafür, die Not in den kapitalistischen Industrienationen zu relativieren. „Deutschland ist ein reiches Land. Der großen Mehrheit der hier lebenden Menschen geht es gut”, heißt es im 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, „dabei zeigt der internationale Vergleich, dass der deutsche Sozialstaat bei der Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung insgesamt erfolgreich ist”. Angesichts der Zustände in Somalia, Haiti oder Indien soll sich ein Alg-II-Empfänger oder Niedriglöhner in Deutschland rundum versorgt fühlen. So kommt der arme Süden bei uns vor – als moralisches Exempel.

Natürlich ist die Armut außerhalb der weltwirtschaftlichen Zentren von einer anderen Dimension, so dass sich – wie Dritte-Welt-Gruppen und Globalisierungskritikern betonen – die Frage nach ihrem besonderen Charakter stellt. Antworten gibt es auf unserem …

Diskussionstermin
am Dienstag, 12. Oktober 2010, 19.00 Uhr
im AJZ (Kinosaal), Heeper Str. 132 in Bielefeld.