Der Bologna-Prozess

Hochschulen werden zu Standortressourcen umgebaut und ein Studentenprotest will dies noch effektivieren

Hochschulpolitiker sind seit einiger Zeit ausgesprochen selbstkritisch. Ihnen erscheinen ein gebührenfreies Studium von mehr als acht Semestern, Prüfungen nur am Ende des Studiums, der Beamtenstatus der Lehrenden und die freie Wahl von Forschungsgegenständen wie eine Einladung zur Faulheit. „Zu lange Studienzeiten“, „zu wenig Zwang zur Leistung“, „zu wenig ökonomische Effektivität“, „zu wenig Konkurrenz“, lautet seit geraumer Zeit ihr Befund. Für sie steht fest, dass die Unis nicht genug von dem leisten, was die Nation bzw. die EU bräuchte: Mehr Wachstum, mehr Attraktivität des Standorts für internationale Geldanleger, größere (Wissens-)Vorsprünge in Sachen Produktivität vor dem Rest der Welt. Sie lasten also dem Bildungssektor so manche Krise und jede Wachstumsschwäche des Kapitals an und versprechen sich von seiner Korrektur größere deutsch-europäische Erfolge auf dem Weltmarkt. Der ganze Sektor leistet für sie in dieser Hinsicht einfach zu wenig – für das Geld, was er kostet; und er kostet zu viel, für das, was er leistet. Das Credo der Reform heißt deshalb: Für das Geld, das der Staat ausgibt, und in den Einrichtungen, die er längst geschaffen hat, mehr Leistung erzwingen. Wissenschaftler sollen mehr Forschungsergebnisse liefern, sie schneller der Industrie verfügbar machen und in Produkte umsetzen. Studenten sollen billiger und schneller studieren, jünger in die Berufe oder in die Arbeitslosigkeit drängen. Sie sollen durch den Schuldenberg, den sie im Lauf ihrer Lehrjahre anhäufen, klug werden und so studieren, dass ihr Studium den Staat weniger kostet und sich zugleich das Verhältnis von „unproduktiver“ Ausbildungszeit zugunsten der „produktiven“ Benutzungszeit durch den Arbeitgeber verschiebt. Wer früher arbeitet, arbeitet – sofern die „Arbeitgeber“ es wollen – länger und kostet weniger. Und was führt all diese Leistungen zuverlässiger herbei als konsequenter Zwang durch verschärfte Konkurrenz. So geht Hochschulreform heute, so geht die Einführung von Bachelor-Master, so geht die Ausgliederung von Exzellenzinitiativen – alles ein Teil des Bologna-Prozesses.

Die protestierenden Studenten sind dagegen weniger selbstkritisch. Ihre Kritik an den Bologna-Prinzipien stößt deshalb auch auf breite Zustimmung. Kein Wunder, denn sie greifen kaum etwas anderes an, als was der Bildungspolitik inzwischen selbst als „Übertreibung“ bei der Durchsetzung der Bologna-Reform aufstößt. So werden sie als „nützliche Idioten“ der jüngst ausgerufenen Reform der Bologna-Reform vereinnahmt. Sollte das alles gewesen sein, was der studentische Protest erreichen will?

Veranstaltet von der AG Freie Bildung

Referent: Freerk Huisken, Universität Bremen
Dienstag, 8.12.2009, 18:00 Uhr
Universität Bielefeld, H12

Update: Ein Mitschnitt der Veranstaltung wurde von der AG Freie Bildung online gestellt:
Vorträge by agfb


4 Antworten auf “Der Bologna-Prozess”


  1. 1 zeno 04. Dezember 2009 um 22:15 Uhr

    Die Veranstaltung wird wohl im Hörsaal 12 staatfinden, oder?

    http://www.fhuisken.de/termine.html

  2. 2 Eisler 08. Dezember 2009 um 3:25 Uhr

    Yepp, Hörsaal 12 ist richtig.

  1. 1 contradictio.de » Veranstaltungen » 08.12.09 | Bielefeld | Der Bologna-Prozess Pingback am 25. November 2009 um 11:44 Uhr
  2. 2 3 Termine in Bielefeld « Reich und Schön Pingback am 25. November 2009 um 22:52 Uhr
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