Archiv für November 2009

Die Sache mit der Religion

Von Jesus und anderen Weihnachtsmännern

Zwei Jahrhunderte nach einer historischen Episode namens „Aufklärung“ steht die Geisteshaltung namens „Religion“ nach wie vor hoch im Kurs. An ein „Jenseits“ zu glauben, gilt mitten in der aller modernsten „Wissensgesellschaft“ keineswegs als Schande. Dabei ist es wirklich nicht mehr so wie in den ganz alten Zeiten, als praktisch alle Welt davon ausging, dass Wetter und Krankheiten von himmlischen oder höllischen Geistern gemacht werden, dass hinter jedem größeren Stern ein Gott oder gleich über dem Sternenzelt ein ew’ger Vater wohnt, der die – deswegen so genannten – Geschicke der Menschen lenkt. Dass alles, was in der Natur passiert, Ursachen hat, die die Naturwissenschaft ganz ordentlich erklärt und die moderne Technik für menschliche Zwecke auszunutzen versteht, ist auch Leuten vertraut, die kein „Naturgesetz“ hersagen könnten.

Dem religiösen Bewusstsein scheint das aber nicht allzu viel ausgemacht zu haben. Dessen Besitzer haben immer noch ein paar Sinn-Fragen in petto – meist solche nach dem Muster: „Warum nur…?“, „Warum gerade ich …?“ – besonders wenn es mal wieder ganz dick kommt. Und vor allem haben sie die ganz große Frage auf Lager, die eigentlich keine ehrliche Frage ist, sondern das verkehrte, aber unverwüstliche Bedürfnis nach einer garantiert rundum zufrieden stellenden Antwort artikuliert: Wozu das alles? Für schlichtere Gemüter tut’s aber auch die Vorstellung, dass mit dem Tod unmöglich einfach Schluss sein kann – bei dem Leben, das einem bis dahin beschieden ist! –, sondern hinten nach irgendeine himmlische Kompensation wartet.

Harte Zeiten, das steht damit fest, sprechen seit jeher für den Glauben. Wo die Armut wächst, die die Menschen ihren wahren und eigentlichen Bedarf an geistlichem Zuspruch wieder spüren lässt; wo in den wohlhabenden Weltgegenden mit ihrer Massenarbeitslosigkeit eine Verwahrlosung ins Haus steht, die auch der weltlichen Gewalt den Nutzen, ja die Unentbehrlichkeit der seelsorgerischen und karitativen Volksbetreuung durch die Kirche unzweideutig klar macht; wo es so kommt, da stehen die diversen Kirchen mit klaren Richtlinien bereit. Da kann der Glaube wieder zeigen, was er in Sachen Volksbetörung, -tröstung, -verblödung und -befriedung vermag. Da wird geseelsorgt, dass es dem Allerhöchsten eine Freud’ ist und den irdischen Herren ein Wohlgefallen.

Vortrags- und Diskussionstermin der AG Analyse und Kritik

Referent: Freerk Huisken, Universität Bremen
Montag, 7.12.2009, 19.00 Uhr
AJZ (Kino), Heeper Str. 132, Bielefeld (Stadtplan)

Der Bologna-Prozess

Hochschulen werden zu Standortressourcen umgebaut und ein Studentenprotest will dies noch effektivieren

Hochschulpolitiker sind seit einiger Zeit ausgesprochen selbstkritisch. Ihnen erscheinen ein gebührenfreies Studium von mehr als acht Semestern, Prüfungen nur am Ende des Studiums, der Beamtenstatus der Lehrenden und die freie Wahl von Forschungsgegenständen wie eine Einladung zur Faulheit. „Zu lange Studienzeiten“, „zu wenig Zwang zur Leistung“, „zu wenig ökonomische Effektivität“, „zu wenig Konkurrenz“, lautet seit geraumer Zeit ihr Befund. Für sie steht fest, dass die Unis nicht genug von dem leisten, was die Nation bzw. die EU bräuchte: Mehr Wachstum, mehr Attraktivität des Standorts für internationale Geldanleger, größere (Wissens-)Vorsprünge in Sachen Produktivität vor dem Rest der Welt. Sie lasten also dem Bildungssektor so manche Krise und jede Wachstumsschwäche des Kapitals an und versprechen sich von seiner Korrektur größere deutsch-europäische Erfolge auf dem Weltmarkt. Der ganze Sektor leistet für sie in dieser Hinsicht einfach zu wenig – für das Geld, was er kostet; und er kostet zu viel, für das, was er leistet. Das Credo der Reform heißt deshalb: Für das Geld, das der Staat ausgibt, und in den Einrichtungen, die er längst geschaffen hat, mehr Leistung erzwingen. Wissenschaftler sollen mehr Forschungsergebnisse liefern, sie schneller der Industrie verfügbar machen und in Produkte umsetzen. Studenten sollen billiger und schneller studieren, jünger in die Berufe oder in die Arbeitslosigkeit drängen. Sie sollen durch den Schuldenberg, den sie im Lauf ihrer Lehrjahre anhäufen, klug werden und so studieren, dass ihr Studium den Staat weniger kostet und sich zugleich das Verhältnis von „unproduktiver“ Ausbildungszeit zugunsten der „produktiven“ Benutzungszeit durch den Arbeitgeber verschiebt. Wer früher arbeitet, arbeitet – sofern die „Arbeitgeber“ es wollen – länger und kostet weniger. Und was führt all diese Leistungen zuverlässiger herbei als konsequenter Zwang durch verschärfte Konkurrenz. So geht Hochschulreform heute, so geht die Einführung von Bachelor-Master, so geht die Ausgliederung von Exzellenzinitiativen – alles ein Teil des Bologna-Prozesses.

Die protestierenden Studenten sind dagegen weniger selbstkritisch. Ihre Kritik an den Bologna-Prinzipien stößt deshalb auch auf breite Zustimmung. Kein Wunder, denn sie greifen kaum etwas anderes an, als was der Bildungspolitik inzwischen selbst als „Übertreibung“ bei der Durchsetzung der Bologna-Reform aufstößt. So werden sie als „nützliche Idioten“ der jüngst ausgerufenen Reform der Bologna-Reform vereinnahmt. Sollte das alles gewesen sein, was der studentische Protest erreichen will?

Veranstaltet von der AG Freie Bildung

Referent: Freerk Huisken, Universität Bremen
Dienstag, 8.12.2009, 18:00 Uhr
Universität Bielefeld, H12

Update: Ein Mitschnitt der Veranstaltung wurde von der AG Freie Bildung online gestellt:
Vorträge by agfb

Demokratische Meinungsbildung – wie geht das?

Eine Woche Bild und Spiegel: Der schwarz-rot-goldene Durchblick und sein täglich Brot aus Dumm­heit, Moral und Hetze

1. Intellektuelle, die Bild als Käseblatt für Doofe ver­achten, üben Niveau-Kritik, ohne den Inhalt anzutasten. Bild agitiert seine Leser, die zu den Minderbemit­telten dieser Welt von Geschäft und Gewalt gehören, für die schädli­che Dummheit der Anpassung. Sieht alles durch die Brille der nationalen Moral. Erledigt die patriotische Hetze gegen Schwarzarbeiter und Ausländer. Sorgt für den ideellen Lohn des anständigen Bürgers.

2. Darum merken Spiegel-Leser auch nicht, dass sie die selbe Moral mit Soße, nur niveauvoller, konsumieren. Das Nach­rich­tenmagazin für Schlaue liefert Hintergründe, keine Gründe. Macht seinen Kunden saudumme, weil verantwortliche Sorgen um den Geld-, Macht- und Kultur-Standort D. Geißelt in liebevoll aufbereiteten Skan­dalen den Miss­brauch von politischer und öko­no­mischer Herrschaft. Pocht auf heftigen Gebrauch der Ämter zum Wohle der Nation. Bietet der lesenden Elite eine geistige Heimat.

3. Beide vertreten den selben Standpunkt: WIR haben ein Recht auf Erfolg. Die freie Presse gibt Leuten jeden Standes die Ge­wissheit, dass alle redli­chen Anlie­gen in diesem Lande bestmöglich aufgehoben sind. Lässt sie den Zu­stän­digen auf die Finger schauen und die Daumen drücken. Bedient das urdemokrati­sche An­lie­gen, sich in der Phantasie in alles einzumischen, um sich in der Wirklichkeit aus allem auszu­mi­schen.

4. Die Mächtigen brauchen und mögen solch gebildete Patrio­ten: Staats­bürger, die bei allen angesagten Affä­ren di­stanzlos mitfiebern. Die sich für Erfolg und Anstand von Amts- und Würdenträgern interessieren wie für Siege und Nie­derlagen des „kleinen Mannes“, der seinem Recht auf Glück nachjagt. Die mit kon­struk­tiver Kritik nicht geizen. Die zu jedem Scheiß, der ihnen zu schaffen macht, eine MEINUNG haben.

5. Keine „Manipulation“! Die demo­kratische Gleichschaltung der Köpfe beruht auf einer Gewohnheit des Den­kens: die herrschen­den Lebensumstände zuversichtlich und stur mit einer guten Gelegenheit des eigenen Erfolgs zu verwechseln. Die Öffentlichkeit bildet und fördert das notwendig falsche Bewusstsein der Massen.

Diese Thesen werden auf der Veranstaltung anhand der Bild-Zeitung vom Tage und des Spiegel der Woche erläutert und zur Diskussion gestellt.

Referent: Manfred Freiling, Redaktion GegenStandpunkt

Donnerstag, 3.12.2009, 19:00 Uhr
Bürgerwache am Siegfriedplatz, Rolandstr. 16, Bielefeld (Stadtplan)