Kritik der Psychologie

Das moderne Opium des Volkes

Der Untertitel ist Programm. Er beinhaltet die zentrale These der von Albert Krölls vorgelegten Kritik der Psychologie.* Danach besteht die unbestreitbare Leistung der psychologischen Weltanschauung in der erfolgreichen Selbstmanipulation des schwierigen Willens zum Glück in einer Gesellschaft, die für die große Mehrheit ihrer Mitglieder die wenig lohnende Lebensperspektive der abhängigen Arbeit vorsieht. Die Kunst der Glücksfindung besteht demgemäß darin, die Erwartungen an die Welt an deren harte Realitäten anzupassen und umgekehrt die Anforderungen der sozialen Wirklichkeit als Bewährungsprobe für sich und seine werte Persönlichkeit zu betrachten und in der Erfüllung seiner gesellschaftlichen Pflichten seine Selbstverwirklichung zu suchen.

Der psychologisch gebildete Mensch, der seinen materiellen Misserfolg nicht den Prinzipien der Konkurrenzgesellschaft, sondern sich selbst und seiner mangelnden „Erfolgsfähigkeit“ zuschreibt, macht sich geistig frei von der Befassung mit den seine Existenz regierenden ökonomischen und politischen Interessen, für deren Erfolg er als Arbeitnehmer, Erziehungsberechtigter und Soldat einzustehen hat. Wer vom Wunsch beseelt ist, von der gesellschaftlichen Umwelt den Wert der eigenen Person bestätigt zu erhalten, ist umgekehrt von einem grundsätzlichen Verständnis für alle Zumutungen erfüllt, die ihm Staat und Ökonomie des demokratischen Kapitalismus auferlegen. Wer sich die psychologische Sichtweise der Welt und seiner dienstbaren Rolle in ihr zu Eigen macht, der entspricht also in idealer Weise dem Anforderungsprofil des demokratisch-kapitalistischen Staatsbürgers. Seine Unterwerfung unter die Zwänge der bürgerlichen Gesellschaft erscheint als Akt der Freiheit, als Verwirklichung gelungener Subjektwerdung.

Die Wissenschaft der Psychologie liefert für dieses Bedürfnis eine sachadäquate Theorie des Willens. Dieser Theorie zufolge ist der Wille des Menschen keinesfalls das einfache Resultat seiner Absichten und Beschlüsse. Vielmehr ist sein Handeln determiniert durch innere und äußere Bedingungen: Triebe, Reiz-Reaktions-Mechanismen, Dispositionen, Verhaltensmuster, Umwelteinflüsse etc. Ihr Wissen um die geheimen Wirkkräfte der Seele gewinnen Psychologen vornehmlich dadurch, dass sie die Handlungen der Subjekte in deren „seelisches Innenleben“ reflektieren und das praktische Tun als Äußerung der inneren Möglichkeit dazu bestimmen. So erklären sie auf mustergültig tautologische Weise das Reich der menschlichen Aktivitäten durch ebenso viele gleichnamige Antriebe: den Krieg und andere Gewalttätigkeiten aus einem Aggressionstrieb, die Ausübung von Macht aus dem Machtstreben u.s.w.

Mit dieser Bestimmung des Willens als abhängiger Variable eines Ensembles innerer und äußerer Wirkkräfte erteilt die Psychologie dem Menschen zugleich einen umfassenden Steuerungsauftrag. Derselbe Mensch, eben noch als willenloser Spielball psychischer Impulse definiert, soll nunmehr als Konfliktmanager der widersprüchlichen Ansprüche fungieren, welche seine innere Dispositions- oder Motivationslage und die äußere Welt an ihn erheben. Er soll im Kampf mit sich selbst sein seelisches Gleichgewicht herstellen, ein Programm, das seit Freud unter dem psychologischen Namen einer gelungenen Ich-Bildung bekannt ist. Jedenfalls dazu soll der Rest an Wille und Verstand, den die Psychologie dem Menschen zugesteht, noch zu gebrauchen sein.

Der angebliche Kampf der seelischen Instanzen ist freilich nur die zur inneren Angelegenheit verdrehte Anforderung der Psychologie an den bürgerlichen Menschen, seine Wünsche und Bedürfnisse mit der Realität in Einklang zu bringen, damit sie sich nicht als Enttäuschung oder ausgewachsenes Seelenleiden gegen die Funktionstüchtigkeit des bürgerlichen Subjektes geltend machen. Für diese Anpassungsleistung steht das Realitätsprinzip der Seele. Wer den Krieg der seelischen Instanzen bewältigt, ist realitätstauglich: „arbeits- und genussfähig“, wie einst Übervater Freud versprach.

Die systematische Darstellung dieses Zusammenhangs zwischen den Erklärungsmustern der psychologischen Weltanschauung und ihrem Gebrauchswert für die kapitalistische Konkurrenzgesellschaft bildet das Leitthema des Vortrags. Im Rahmen eines exemplarischen Durchganges durch die pluralistische Welt psychologischer Theorien werden die verschiedenen Ansätze darauf hin untersucht, welche besonderen Beiträge sie zum psychologischen Programm der Anpassung des bürgerlichen Konkurrenzsubjektes an seine gesellschaftliche Heimat erbringen, worin ihr politisch-legitimatorischer Gehalt besteht und auf welchen systematischen Fehlern der wissenschaftlichen Theoriebildung diese gesellschaftliche Nützlichkeit gründet.

* Krölls, Albert: Kritik der Psychologie. Das moderne Opium des Volkes. Hamburg: VSA, 2006.

Aus dem Inhalt:

- Der Psychoboom: Zur Karriere einer mächtigen Ideologie
- Das Programm der Psychologie:
Die wissenschaftliche Sehnsucht nach einem gesetzmäßig funktionierenden Staatsbürgerwillen
- Freud: Der Kampf dreier Linien im Dienste der sozialen Anpassung des Subjekts
- Skinner: der radikale Vertreter des psychologischen Steuerungsideals
- Adorno/Horkheimer: Die autoritäre Herrschaft – Ein ideales Entsprechungsverhältnis zwischen Staatsgewalt und Untertanenseele
- Holzkamp: Rassismus als staatlich provozierter Sündenfall des emanzipatorischen Subjekts
- Rogers: Gesellschaftliche Anpassung als Selbstverwirklichung
- Klassische Psychotherapie: Fachlich angeleitete Selbstdomestizierung des funktionsgestörten Willens

Vortrag und Diskussion mit
Prof. Dr. Albert Krölls (Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Hamburg)
Dienstag, 7. November 2006, 19.00 Uhr
Universität Bielefeld, Hörsaal 6 (Stadtplan)

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6 Antworten auf “Kritik der Psychologie”


  1. 1 Administrator 08. November 2006 um 12:43 Uhr

    Der VSA Verlag hat eine PDF-Datei mit Inhaltsangabe und Einleitung des Psychologie-Buchs von Albert Kroells veröffentlicht:

    http://www.vsa-verlag.de/vsa/pdf_downloads/VSA_Kroells_Psychologie.pdf

  2. 2 Administrator 12. Dezember 2006 um 14:03 Uhr

    Die Berliner Gruppe Kein Kommentar bietet auf ihrer Website einen Vortragsmitschnitt (mp3-Datei, ca. 26,9 Mbyte) der Veranstaltung mit Albert Kroells vom 9. November 2006 in der FU an.

  3. 3 Peter 25. Mai 2007 um 15:26 Uhr

    Ja, der Vortrag ist hörenswert und die audioqualität sehr gut.

  4. 4 Stephan 25. Februar 2008 um 23:44 Uhr

    ad) Vortrag: Kritik der Psychologie

    Muss es leider sagen, selten so einen Schwachsinn gelesen!
    a) Ist ja die reinste Hetzschrift b) ist unseriös c) es wurden Dinge die nichts miteinander zu tun haben in unzulässig in Verbindung gebracht d) es wurde Dinge falsch dargestellt oder gar erfunden.
    Schlicht und ergreifend ist diese Werk eine Hetzschrift. Konstruktive Kritik kommt nicht vor dafür wissen wir jetzt wer für alles Übel der Welt verantwortlich ist. Die Psychologie.

    Hut ab für so ein Werk.

  5. 5 volker mart 14. August 2009 um 10:15 Uhr

    Der Vortrag ist eine blindwütige Tirade, im fatalen Bewusstsein eigener Unfehlbarkeit so unerträglich herablassend gehalten, dass ich nach einer Stunde aufgegeben habe. Die Behauptung, alle oder der allergrößte Teil der Psychologie würde den Menschen als völlig determiniert bezeichnen, ist schlicht Humbug. Das entpolitisierende Potential der Psychologisierung von Weltanschauungen wird zwar m.E. zurecht angeprangert, aber da der Vortragende in einem dem Größenwahn nicht fernen Rundumschlag vorgibt, alle psychologische Wissenschaft der letzten 150 Jahre mit einem einzigen Argument aus den Angeln heben zu können, diskreditiert er auch die wenigen guten seiner Ideen.

  6. 6 Stromsau 11. September 2009 um 21:46 Uhr

    Wie soll das denn gehen, dass man einen richtigen Inhalt „diskreditiert“ durch andere Dinge, die man nebenbei auch noch sagt und tut?

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