Klasse – Unterschicht – Prekariat?

Die Wissenschaft hat festgestellt, festgestellt, festgestellt…

… dass es im deutschen Kapitalismus zwar kein „Proletariat“ oder gar eine „Klassengesellschaft“ gibt. Gott sei Dank, nicht. Nein, ganz sicher nicht. Aber doch sei da eine Gruppe Menschen, die neuerdings „Prekariat“ heißt, meldet eine Studie. Von „neuer Armut“ ist die Rede. „Verdammt! Wie konnte das passieren?“ fragen sich völlig überrascht die Sozialreformer aus Regierung und Opposition. Und plötzlich entdeckt auch die vierte Gewalt statt der sozialstaatlichen Bevormundung völlig verwöhnter Arbeitsloser echte Armut und zählt bisher bedauerliche Einzelschicksale zu einer millionenstarken „Unterschicht“ zusammen.

Das wiederum finden einige andere Politiker dann viel zu „soziologisch“, ganz so als sei die gleichnamige antimarxistische Hilfswissenschaft ein Schimpfwort. Einig ist man sich wenigstens, dass von Klassengesellschaft nicht die Rede sein könne (s.o.), dass Arbeitsplatzbesitzer zu den wahren Privilegierten unserer Welt und Zeit gehören und natürlich darin, dass nicht diese Gesellschaftsordnung als Problem für die Armen, sondern umgekehrt die Armut als Problem für diesen wunderbaren deutschen Staat zu begreifen ist.

So gesehen sind die Zeichen aber auch wirklich alarmierend: Die gerade noch voller Eifer zurechtreformierten Sozialschmarotzer von gestern haben sich zwar alle Schweinereien gefallen lassen, neigen aber als 1-Euro-Jobber, Scheinselbständige oder Ich-Ag’s doch ein wenig zur Resignation. Statt sich begeistert an der Frage zu beteiligen, wer sie wohl die nächsten vier Jahre verarmen und beleidigen soll, gehen sie entweder nicht wählen oder wählen sogar die Falschen von der NPD. Manche neigen zur Verwahrlosung, lassen sich gehen, trinken oder halten sich nicht immer an die Gesetze. Viele zeigen wenig Hoffnung, durch persönlichen Ehrgeiz der ihnen zugedachten Lebenslage zu entrinnen, geschweige denn, konstruktiv an der Verbesserung dieser Gesellschaft mitzuwirken.

So etwas sehen die Herrschenden ungern: Bei aller gewollten Verelendung der relativen Überbevölkerung der nationalen Arbeiterklasse bestehen sie darauf, dass auch noch der letzte Hartz-IV-Empfänger voller Begeisterung diese Gesellschaft als die „seine“ begreift und gerne mitmacht. Beinahe vermisst man da schon die Organisierung des kapitalistischen Elends in einer Arbeiterbewegung, die wenigstens um die Teilhabe der Ausgebeuteten an dieser Gesellschaftsordnung kämpfte. So gesehen ist die „neue Armut“ bedenklich und störend, finden einige.

Andere finden es aber noch störender, wenn sie 150 Jahre nach Marx und Engels immer noch daran erinnert werden, dass die Ideale der bürgerlichen Gesellschaft – Gleichheit und Gerechtigkeit – in einem eigentümlichen Verhältnis zur sozialen Lage der „sozial Schwachen“ stehen. Sie verweisen auf den bedauerlichen, aber wahren Sachverhalt, dass sowohl national als auch global immer weniger Menschen gebraucht werden, um ihren Reichtum zu vermehren.

In der Tat: Das Glück, Woche für Woche und zuverlässig ein Leben lang für das Wachstum einer Geldsumme zu arbeiten, die ihnen nicht gehört, wird immer weniger Menschen zu Teil. Höchste Zeit also, einmal die Gegenfrage zu stellen, wofür Milliarden Menschen eigentlich diese Gesellschaftsordnung und ihre kapitalistischen Nutznießer brauchen.

Marxistische Bildungsveranstaltung

Da Bildung nach den Worten unserer Kanzlerin ja angeblich das beste Mittel gegen Armut ist und wir ja bekanntlich nicht in einer Klassen- sondern Wissensgesellschaft leben, tun wir, was wir können. Wir beantworten die folgenden Fragen:

• Warum sind so viele Menschen arm?
• Was ist eine Klasse?
• Wem nützt die Soziologie?
• Was tun?

Mittwoch, 22. November 2006, 20.00 Uhr
Bürgerwache am Siegfriedplatz (Raum 07), Bielefeld (Stadtplan)

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