Archiv für Mai 2006

Gesundheit im Kapitalismus

Wie der Staat den massenhaften Verschleiß von Arbeitskraft therapiert

1. „Und vor allem Gesundheit!“ wünscht man anläßlich von Geburts- und Feiertagen, denn Gesundheit gilt als die Hauptsache im Leben und das größte Glück schlechthin. Das ist merkwürdig. Sicher, mit einer kaputten Wirbelsäule kann man keine Bäume mehr ausreißen, und ein defekter Magen verträgt keine Torten. Aber warum sollte deshalb ein intakter Organismus die Hauptsache, also wichtiger sein als die Vorhaben, die der Gesunde damit unternimmt? Damit wird eine bloße Bedingung für die Verfolgung von Bedürfnissen und Zwecken selbst zu einem Zweck erhoben, auch noch zum höchsten. Warum eigentlich?

2. Offenbar unterliegt die Gesundheit in dieser Gesellschaft einem heftigen Verbrauch. Auch das ist merkwürdig. Denn die Natur als Krankheitsursache ist weitgehend ausgeschaltet. Große Volksseuchen gehören der Vergangenheit an. Die große Masse leidet unter den sogenannten Berufs- und Zivilisationskrankheiten, also von der Gesellschaft selbst produzierten Leiden. Selbstverständlich ist das nicht. Denn ginge es bei der gesellschaftlichen Produktion um die Wohlfahrt der Produzenten, wäre deren gesundheitlicher Ruin durch die Produktion ein Unding. Was hat es mit einer Arbeit auf sich, die den Arbeiter systematisch krank macht?

3. Das staatliche Gesundheitswesen betreut den flächendeckenden Verschleiß der Gesundheit. Der massenhafte Bedarf findet ein riesiges Angebot von medizinischen Therapien, Apparaten und Pharmaka. Aber nicht als staatliche Gratisgabe in Polikliniken. Das war ja eines der größten planwirtschaftlichen Verbrechen. Sondern organisiert als Gesundheitsmarkt, auf dem jeder Privatmann kaufen muß, was für die Reparatur seiner angeschlagenen Gesundheit nötig ist. Das hat seine Tücken. Die Kaufkraft fehlt den meisten, weil Arbeit hierzulande nicht nur krank, sondern auch arm macht. Also hilft der Staat aus, nicht mit Geld, sondern mit seinem Zwang: Mit einer Krankenversicherungspflicht summiert er die Beiträge von auf sich gestellt zahlungsunfähigen Individuen zu einer Gesamtzahlungsmasse, die einen schönen Selbstbedienungsladen für Ärzte, Apotheker und eine ganze Pharmaindustrie hergibt. Die medizinische Zunft verdient daran, Kranke für ihren weiteren Verschleiß zu therapieren, der Patient in seiner Eigenschaft als Beitragszahler zahlt, wie der Name schon sagt. Was sollte daran reformbedürftig sein?

4. Alles, meint die Gesundheitsministerin und Peter Struck macht klar: „Der Speck im System muß konsequent abgebaut werden.“ Das gebietet die Senkung der Lohnnebenkosten, ein wichtiger Eckpfeiler des hippokratischen Eides. Private Zuzahlungen steigen, das Krankengeld muß künftig von den Patienten allein finanziert werden, so daß ein Trend deutlich wird: Was für den Bruttolohn zu kostspielig ist, kann der Nettolohn locker tragen, oder?

Vortrag und Diskussion
Freitag, 16. Juni 2006, 20.00 Uhr
Bürgerwache am Siegfriedplatz (Weststraße) in Bielefeld (Erdgeschoß)