Studiengebühren in Bielefeld

Wissenschaft und Ausbildung als Waffe in der Standortkonkurrenz

Die Wirtschaft ist in der Krise, so lautet seid einigen Jahren der Befund von Politik und sachverständiger Öffentlichkeit. Das angeblich mangelnde Kapitalwachstum des eigenen Standortes veranlaßt den Staat, seinen Staatshaushalt kritisch nach vermeintlich überflüssigen und unproduktiven Posten durchzumustern, und diese abzuschaffen, zu reduzieren oder gleich dem freien Spiel der Marktkräfte zu überlassen. Ziel ist, den Staatshaushalt zu entlasten, die Lohn(neben)kosten zu senken und den Standort Deutschland für die selbst kräftig mitbetriebene internationale Konkurrenz „fit“ zu machen.

Der Staat spart – und das tut er wie immer vor allem an seinen Bürgern

Dies trifft – nicht nur, aber seid einigen Jahren vermehrt – die Hochschullandschaft: Dem Staat ist sein wissenschaftliches Ausbildungswesen einfach nicht mehr effektiv genug; deutsche Hochschulabsolventen studieren – so der Vorwurf – zu lange; das Studium sei zu teuer und die Studienabgänger auf die Anforderungen, die ihnen die kapitalistische Arbeitswelt auferlegt, angeblich schlecht vorbereitet. Tatkräftig geht er daran, die in den 1960er und 70er Jahren selbstgeschaffenen und früher hochgelobten Verhältnisse auf seine neuen Funktionen festzulegen. Die Ressource „Wissen“ soll der Arbeitswelt früher zur Verfügung stehen, paßgenauer auf die Berufswelt zugeschnitten sein und die mit ihrer Erzeugung beauftragte Institutionen, also die Hochschulen – Eliteunis und Zukunftstechnologien bilden hier die Ausnahme – , sollen vor allem billiger werden.

In diesem Zusammenhang steht auch die Einführung von Studiengebühren. Auf diesem Wege sollen zusätzliche Gelder in die Haushalte der Universitäten fließen. Wenn dies dazu führt, daß Studenten neue Kalkulationen über die Finanzierbarkeit ihres Studiums und die Brauchbarkeit der erlangten Ausbildung in Abhängigkeit von ihrem Geldbeutel anstellen, dann sollen sie das als Motivation begreifen – obwohl sie objektiv geschädigt werden. Eine weitere Verschärfung der „Selektion zum Nachteil von Menschen mit bildungsfernem sozialen Hintergrund“ und die praktische Abschaffung des in Studentenkreisen liebgewonnenen „selbstbestimmten und kritischen Studiums“ (Resolution der Besetzer des Rektorats der Uni Bielefeld) ist darüber hinaus durchaus beabsichtigt.

Grund genug, sich einige Fragen zu stellen:

→ Wieso soll Bildung eigentlich nicht zur Ware werden? Welche Funktion hat denn die Erkenntnis von Natur und Gesellschaft in einer kapitalistischen Wirtschaftsweise?

→ Ist der in der Resolution der Besetzer des Rektorats der Uni Bielefeld gemachte Bezug auf die bildungspolitische Zielsetzung von gestern und die „Idee des allgemein geschätzten humboldtschen Bildungsideals“ (AStA der Uni Bielefeld) eigentlich angemessen, wenn die Verantwortlichen in der Politik gerade dabei sind diese öffentlich zu diffamieren und praktisch abzuschaffen?

→ Inwiefern ist es eigentlich sinnvoll das „Verhältniswahlrecht“ innerhalb der Unis als nur halb vollendete Demokratisierung zu kritisieren – denn immerhin ist die Einführung von Studiengebühren von einer astrein demokratisch gewählten Regierung auf den Weg gebracht worden! Geht es doch hier wie dort um eine „Partizipation“ der Betroffenen, die vor allem eins nicht soll: sich in den politischen Geschäften von Gesellschaft und Universität störend bemerkbar machen.

→ Ist es sinnvoll eine Abstimmung der Studierenden zu dem Thema „Studiengebühren“ anzusetzen? Ändert sich an der inhaltlichen Kritik der Studiengebühren etwas, wenn sie durch die Mehrzahl der Studierenden bestätigt wird, oder auch nicht?

[Flugblatt zur Einführung von Studiengebühren an der Universität Bielefeld, März 2006]

Einen ausführlichen Artikel zum Thema gibt es hier:
Mit verschärfter Konkurrenz dem Denken Beine machen:
Hochschulreform, Studiengebühren, Elite-Universitäten
[PDF-Datei]