Warum sind so viele Menschen in den Entwicklungsländern arm?

„Täglich verhungern auf der Welt etwa 100.000 Menschen” (SZ, 17.10.05)

„Die Zahl der hungernden Menschen in der Welt ist im vergangenen Jahr auf 852 Millionen gestiegen. Das sind zehn Millionen mehr als 2003” (Jean Ziegler, dpa, 15.10.05). Daß sich daran was ändert, erwartet allerdings niemand: „Mittel für Schuldenerlaß und Armutsbekämpfung fehlen. Auf der Frühjahrstagung von Währungsfonds (IWF) und Weltbank sind kaum Fortschritte absehbar“ (General-Anzeiger, 14.4.05).

Arm sind die Leute in den Entwicklungsländern weil sie ausgeschlossen sind von dem Reichtum, den es durchaus auch in ihren Ländern gibt. Die Zeiten sind nämlich vorbei, in denen Menschen hungern und sterben mußten, weil es wegen Mißernten, unzureichender Naturbeherrschung und fehlenden medizinischen Wissens die Mittel zur Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse nicht gab. Der Welternährungsfond der UNO berichtet, daß es auf dem Globus genug Lebensmittel für alle Menschen gibt; im Bedarfsfall könnten selbstverständlich noch viel mehr davon hergestellt werden. Gehungert wird also auch vor vollen Lagerhäusern, und zwar nur deshalb, weil es den Hungernden an Geld fehlt. Dasselbe gilt auch für das Fehlen guter Behausung, medizinischer Betreuung, Bildung und sonstiger Konsumartikel. Schuld an dem Ausschluß sind nicht Mißwirtschaft, Korruption oder ein ungerechter Welthandel, sondern das Privateigentum. Dieses Rechtsinstitut des Kapitalismus gilt nicht nur in den reichen Industrienationen, sondern bis in den hintersten Winkel der Erde. Jedes Stück natürlichen und produzierten Reichtums gehört irgend jemandem.

Eine handfeste, wenn auch ideologische Konsequenz hat die Elendsberichterstattung zur Dritten Welt auch noch: Sie dient den Politikern und Kommentatoren als Material dafür, die Not in ihren kapitalistischen Mutterländern zu relativieren. „Deutschland ist ein reiches Land. Der großen Mehrheit der hier lebenden Menschen geht es gut”, heißt es im 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, „dabei zeigt der internationale Vergleich, daß der deutsche Sozialstaat bei der Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung insgesamt erfolgreich ist”. Angesichts der Zustände in Somalia, Haiti oder Indien soll sich ein Alg-II-Empfänger oder Niedriglöhner in Deutschland vollauf versorgt fühlen. So kommt der arme Süden bei uns vor – als moralisches Exempel.

Natürlich ist die Armut außerhalb der weltwirtschaftlichen Zentren von einer anderen Dimension, so daß sich – wie Dritte-Welt-Gruppen und Globalisierungskritikern betonen – die Frage nach ihrem besonderen Charakter stellt. Antworten gibt es auf unserem …

Diskussionstermin
am Dienstag, 17. Januar 2006, 20.00 Uhr
in der Bürgerwache am Siegfriedplatz (Weststraße) in Bielefeld